Viva la Orgasmus: Vom Sex ohne Höhepunkt

Ich möchte mit euch über etwas sprechen. Nein, nicht über Gott, ihr könnt die Tür also ruhig offen lassen und weiter meinen Worten lauschen. Es geht um ein für mich sehr persönliches Anliegen, das viele Frauen betrifft, worüber allerdings kaum jemand spricht: Der weibliche Orgasmus beim Sex. Seit einigen Monaten denke ich bereits über diesen Beitrag nach; immer wieder habe ich ihn verworfen. Aber Leute, wir müssen reden!

Let’s Talk About Sex, Baby

Wenn eine dieses Thema ohne Scham öffentlich anspricht, dann die Madame. Ich habe mittlerweile mit einer Menge Frauen darüber geschrieben und festgestellt, dass ich damit nicht allein bin: Ich komme nicht beim Sex. Damit meine ich nicht davor oder danach, sondern währenddessen. Jahrelang habe ich mich deshalb geschämt, hielt mich für unnormal. In jedem Porno stöhnen sich die Frauen die Seele aus dem Leib, wenn sie vaginal penetriert werden, das muss doch so einfach sein – oder? Das dachte ich auch, aber mein Körper funktioniert eben anders (und ja, dass Pornos FILME sind, ist mir bekannt). Sobald ich begonnen hatte meine ersten sexuellen Erfahrungen zu sammeln, machten mir einige Männer schnell klar, dass etwas mit mir nicht stimme. Ein Beispiel: „Boah, du brauchst echt ewig, bis du kommst. Das kann nicht normal sein.“ Ich machte mir wahnsinnig viel Stress, trainierte meine Orgasmen regelrecht, rieb meine Klit beim Sex, doch alles vergeblich. Ich bin nicht normal, etwas an mir ist falsch, dachte ich. Ist das wahr?

Nur 33% der deutschen Frauen  kommen beim Sex regelmäßig zum Orgasmus.

Nein. Seit Twitter weiß ich, dass es sehr vielen Frauen so geht wie mir. Die meisten Damen sprechen bloß nicht darüber, weil sie (wie ich) häufig denken, sie sind allein damit und bei allen anderen funktioniert es. Laut der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung kommen nur 33% der deutschen Frauen beim Sex regelmäßig zum Orgasmus. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ein Drittel (!) aller Frauen in Deutschland kommen regelmäßig beim Sex. Noch erschreckender wird die Zahl allerdings, wenn man sich bewusst macht, dass in der Studie nicht vom reinen Verkehr die Rede ist, sondern auch von Vor- und Nachspiel. Ist das fair?

Eine Studie aus den USA mit fast 52.600 Probanden ergab, dass rund 95 Prozent der heterosexuellen Männer so gut wie immer beim Sex kommen. Das sind also beinahe alle. Die Feministin erhebt nun eine Augenbraue. Woran liegt diese Diskrepanz? Machen wir uns nichts vor, die für den Orgasmus wichtigsten Körperteile sind nun einmal beim Mann direkt beteiligt, während die Klitoris der Frau außerhalb liegt. Das „Rein-raus-Spiel“, wie ich es nenne, mag für den Mann bereits die Erfüllung sein; seine Eichel und der Schaft werden ständig gerieben und gereizt. Enge, Wärme, Nässe… Die Klit geht dabei aber größtenteils leer aus. Ihre „Flügel“ spüren durch den Druck vielleicht etwas Befriedigung, aber den meisten Damen reicht das nicht, um einen Orgasmus zu bekommen. Da muss es schon ein bisschen mehr sein! Für einige, die sich nun fragen, was ich mit Flügeln meine: Die Klit ist deutlich mehr als die bekannte Perle, wie in diesem Modell schön zu sehen ist.

Der Stellenwert des weiblichen Orgasmus

Vielen Frauen hilft es, wenn sie sich während des Aktes zusätzlich selbst berühren oder von ihrem Partner berührt zu werden. Was aber, wenn auch das nichts bringt? Ich spreche jetzt einmal nur von mir: Der aufmerksame Leser wird merken, dass ich bei meinen Dates nicht oft komme und wenn, dann nur deshalb, weil ich mich selbst dazu gebracht habe. Beim Sex zu kommen ist für mich quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Ich bin völlig überreizt. Hände auf meinem Körper, das Gefühl vollkommen ausgefüllt zu sein, die Nähe, die Düfte, die Geräusche… Ich genieße dieses Gefühl in mir so sehr, dass mein Kitzler wie betäubt ist. Berührungen, die mich sonst locker zum kommen bringen, funktionieren nicht mehr. Den Satisfyer, der mir sonst auf Stufe 3-5 genügt, benötige ich beim Sex auf fast höchster Stufe. Ich trainiere seit Ewigkeiten vaginale Orgasmen, in der Hoffnung, dass es irgendwann beim Sex klappt. Doch warum mache ich mir all den Stress?

Von allen Seiten lernen wir, dass der Orgasmus zum guten Sex dazugehört. Ein Cumshot ist das fröhliche Ende eines Pornos, ein lauter Schrei im Film das Ende einer Sexszene… Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Sex ohne einen Orgasmus kein guter Sex gewesen sein kann. Genau dieses Gefühl haben insbesondere Männer oft. Aber das ist ein Trugschluss. Wenn ich nicht gekommen bin, kommt häufig die Frage: „Aber war es für dich jetzt überhaupt schön?“ JA! Scheiße, ja, ich liebe Sex und ich genieße ihn so sehr. Wenn ich währenddessen nicht komme, ist das kein Qualitätsmerkmal. In dem Augenblick, wo ich so etwas höre, gibt es mir das Gefühl, ich habe etwas falsch gemacht. Lasst das, ehrlich. Es gibt viele Frauen da draußen, denen das ähnlich geht. Sex ist toll, auch ohne Orgasmus – und wenn es doch passiert, umso besser!

Verständnis statt Vorwurf

Ich würde mir einfach wünschen, dass die Menschen mehr für dieses Thema sensibilisiert werden. Es gibt Frauen (und bestimmt auch andere), die beim Sex nicht kommen und das ist völlig okay. Wenn ich keinen Orgasmus hatte, möchte ich keine „Vorwürfe“ hören, dass es mir nicht gefallen habe. Ich würde mir vielmehr wünschen, dass der- oder diejenige sich dann noch einmal ganz speziell um mich kümmert. Oder, wie ich es am liebsten habe, vorher. Wenn ich erst einmal gekommen bin, habe ich noch mehr Lust, dem anderen Lust zu bereiten. Bis dahin sage ich bei Dates einfach immer, dass das mit dem Orgasmus bei mir nicht ganz so leicht ist. Aber das ist ein anderes Thema, welches ich in einem weiteren Artikel genauer betrachten werde. 😉

10 Kommentare zu „Viva la Orgasmus: Vom Sex ohne Höhepunkt

  1. Interessant.
    Weil ich als Mann auch selten komme und auch genau diese Fragen werden mir als Mann gestellt.
    Und ja,auch ich liebe den Sex über alles und kann ihn auch über Stunden zelebrieren,nur halt meißtens ohne cunshot.

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  2. Gut zu wissen, ich versuche das mal zu beruecksichtigen. Mein „Problem“ besteht darin, dass ich selbst nicht kommen mag, bevor die Frau fertig ist und mich danach schlecht fuehle (wenn ich es doch nicht zurueckhalten kann), in der Art, sie ausgenutzt zu haben und ich teils dann sogar denke: Ich kann offenbar kein „richtigen“ Sex haben. Gerade waehrenddessen ist der Gedanke dann sehr hinderlich, man denkt dann zu viel nach und denken ist ohnehin schlecht, wenn man gerade dabei ist.

    Mal schauen, ob ich es mir abtrainieren kann, Danke fuer diesen Text.

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  3. Wo du mich drauf aufmerksam machst, fällt mir ein. Es gab (oder gibt vielleicht immer noch) Blowjobs, die ich unglaublich genieße ohne dabei zu kommen. Das hat mitunter für Irritationen gesorgt und seltsame Dialoge. Sie fragte, ob sie aufhören soll, ich erkäre nein, das ist toll und geil Irgendwann erkläre ich, dass sie nicht endlos weitemachen muss, sondern aufhören soll, wenn sie keine Lust mehr hat usw.

    Das war jetzt keine Übung meinerseits den Abgang hinauszuzögern. ich könnte auch nicht auf Anhieb sagen was daran das Besondere war – einfach irre relaxed.

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  4. Mir gehts da ähnlich wie dir, es ist einfach schön und da muss man dann nicht währenddessen noch zusätzlich rummachen. Aber manche Männer kommen damit echt nicht zurecht und meinen, das müsste doch aber bitte schön so gehen, dass sie beim Sex kommt. Für manche vll auch eine Ausrede, damit sie sich nicht noch extra kümmern müssen…

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