Tom (33)

Einen Beitrag schulde ich euch schon viel zu lange und das ist der über Tom. Tom Tinder, wie ich ihn nenne, denn wir haben uns auf der Plattform kennengelernt. Tom war mein erstes Date mit einem Fremden seit der Öffnung meiner Beziehung vor drei Jahren. Ich war nervös, neugierig und gespannt auf alles, was kommen sollte. Zudem ist Tom zehn Jahre älter als ich, was es nur noch aufregender machte. Wir verabredeten uns also nach vier Wochen intensiven Kontakts über Tinder zu einem Treffen im öffentlichen Raum.

Es sollte an einen See gehen. Was zieht man da an? Da das Wetter zu dem Zeitpunkt eher frisch und grau war, entschied ich mich für Jeans und ein Batman-Shirt mit Lederjacke. Ich glättete mein Haar, legte ein bisschen Mascara auf und ging zum vereinbarten Treffpunkt. Tom ließ nicht lang auf sich warten. Ich erkannte ihn sofort, allerdings… war das ein kleiner Bauch? Naja, es gibt Schlimmeres. Das, was mir an Tom auffiel: Er war nicht ehrlich. Online hatte er sich anders verkauft, als er in Wirklichkeit war. Ein kleiner Bauch ist für mich grundsätzlich nicht schlimm, aber so begann unsere Begegnung direkt mit der Erkenntnis, dass er mich belogen hat. Was für ein Start, dachte ich mir.

Der zweite Blick: Tom ist mittelgroß, trägt einen Drei-Tage-Bart und eine Brille. Bisher alles gut. Dann folgte ein Blick auf seine Kleidung und meine Sympathie schwand weiter dahin… Lacoste, Nike, Ray Ban, Gucci. Ein „Markenschwein“ , wie ich sie gern nenne. Tom musterte mich ebenfalls. Ihm ist mein offenbar böser Blick nicht entgangen. „Sorry, dass ich so aussehe, ich komme gerade von der Arbeit. Das ist nicht mein Alltagslook.“ Wer arbeitet denn so, wenn er nicht gerade in einem Reisebüro oder einem Schmuckladen unterwegs ist? Irgendetwas sagte mir, dass er auch dieses Mal nicht ehrlich zu mir war. Das waren nicht seine normalen Klamotten, keine Frage, aber ich hatte das Gefühl, er hätte sie extra angezogen, um mir zu imponieren.

Ihr müsst wissen, dass Personen, die sich NUR über Marken profilieren müssen, in meinen Augen eher traurige Menschen sind, die ich nicht beneide. Ich erklärte ihm also, dass mir Marken überhaupt nicht wichtig wären und sein Gesicht errötete. (Später im Chat erklärte er mir übrigens, dass er mich tatsächlich beeindrucken wollte. Ging wohl in die falsche Richtung.) Da saßen wir nun am Ufer und redeten. Jetzt sind wir hier, dachte ich, gib ihm eine Chance; der Chat war doch vielversprechend! Wir redeten also über die Arbeit, wie wir zu Tinder gekommen sind, über meine Beziehung – und über seine. Davon wusste ich nichts.

Komm zur Sache!

„Du hast eine Freundin? Ich dachte, du wärst Single.“„Jaaa, aber das ist etwas ganz Lockeres, mach dir keinen Kopf.“ Zu spät. In meinem Kopf schwirrten tausend Fragen und ich musste einfach nachhaken: „Aber sie weiß schon, dass wir uns gerade treffen oder?“ Sie wusste es nicht. Überhaupt erklärte er mir, dass er gern eine offene Beziehung hätte. Sie hätten wohl auch eine, er lebe das gern aus, aber sie akzeptiere es noch nicht. „Dann habt ihr auch keine offene Beziehung, dann betrügst du sie einfach nur.“ BUMM. Das hat gesessen. Die Worte kamen mir schneller über die Lippen, als ich sie gedacht habe. Vielleicht war ich etwas forsch, aber angesichts des Umstands, dass er zuerst mich (sogar mehrfach) und dann sogar seine Partnerin belogen hat, war an Zurückhaltung nicht mehr zu denken. Natürlich versuchte er sich herauszureden, aber für mich rette das nicht die Situation.

Unbeirrt von meinem kleinen Aussetzer erzählte er munter weiter. Wie viele Frauen er schon wo gefickt hätte, wo er mich am liebsten wie nehmen würde. Im Büro auf seinem Schreibtisch würde er mich ficken wollen, wild und ungestüm. Dabei legte er seine Hand auf mein Bein. Ich empfand nur noch Ekel. Die ganze Situation fühlte sich falsch an. Mit diesem Mann auf einer Liege zu liegen fühlte sich falsch an. Hat er nach diesem Gespräch ernsthaft noch die Muße mir zu sagen, dass er mich auf seinem Schreibtisch nehmen will? Meine Hand nahm seine von mir. Feinfühligkeit war wohl nicht seine Stärke, denn er merkte nicht einen Moment, wie unangenehm diese ganze Situation war. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich nun gehen wolle und wir verabschiedeten uns.

Später schrieb ich ihm eine Nachricht, dass ich mir mit ihm absolut nichts vorstellen kann und dass die Chemie zwischen uns in der Realität leider nicht so gestimmt hat, wie es im Chat noch der Fall gewesen ist. Er stimmte mir zu. „Ja, ich habe schon eine gewisse Distanz deinerseits gemerkt. Auch wenn es schade ist, ich fand dich wirklich zum anbeißen…“

Fazit:  Mir läuft noch jetzt ein kalter Schauer über den Rücken, während ich das schreibe. Schon der Duft seines übertrieben starken Aftershaves genügt und ich bekomme noch immer Gänsehaut. Tom ist nicht übergriffig geworden und hat respektiert, dass ich nicht mehr wollte, aber irgendwie hatte ich das ganze Treffen über ein mulmiges Gefühl. Im Zweifel sollte man eben immer auf sein Bauchgefühl hören. Tinder benutze ich mittlerweile übrigens nicht mehr, aber nicht seinetwegen.

Von Tom habe ich übrigens noch einmal etwas gehört. Er hat mich im Joyclub angeschrieben, allerdings ohne zu wissen, wer ich bin. Er fände mein Profil sehr ansprechend und würde mich gern kennenlernen. Ich habe ihn sofort erkannt und war beinahe amüsiert. Meine Antwort: „Ach Tom, lass gut sein. Das mit uns beiden hat schon einmal nicht geklappt und das wird es auch nicht mehr.“ Nach dieser Nachricht habe ich ihn blockiert.

2 Kommentare zu „Tom (33)

  1. Ich verstehe nicht, wieso man anderen Menschen Unwahrheiten über sich erzählt, in meinen Augen für beide Seiten Lebenszeitverschwendung.

    Das Leben kann ab diesem Moment nicht mehr fließen, denn diese Unwahrheiten werden zu einem Damm, der das Leben blockiert.

    Authentizität heisst das Zauberwort, das für Lächeln verantwortlich ist.

    Mit einem Lächeln zu sich und seinen Unzulänglichkeiten stehen.

    Gefällt 1 Person

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